Die
Anfänge
Seit wann
es Zunzingen gibt, ist
heute nicht mehr mit
Sicherheit festzustellen. Ganz gewiß siedeln hier Menschen bereits
lange vor
der ersten urkundlichen Erwähnung; denn die Lage des Ortes im
fruchtbaren
Hügelland zwischen dem Oberrhein und dem Blauenmassiv des
Schwarzwaldes, eingebettet
in ein liebliches Tal, bietet sich für die Gründung einer Siedlung an.
Feuersteinkerne mit Bearbeitungsspuren von Menschenhand, die im Gewann
"Ebene" auftauchen, legen nahe, daß hier schon in der Jungsteinzeit
Menschen seßhaft sind und Ackerbau und Viehzucht betreiben. Keltische
Grabstätten in der Nähe des Dorfes, die man anläßlich der
Flurbereinigung im
Gewann "Himmelstiege" in den 80er Jahren unseres Jahrhunderts findet,
lassen auf eine dauerhafte Besiedlung schließen. Die Anwesenheit der
Römer am
Oberrhein ist seit dem Jahr 70 nach Christus nachgewiesen, und das
römische
Thermalbad in Badenweiler stellt für die Region eine Quelle von
Wohlstand und
Zivilisation dar.
Aus vormittelalterlicher Zeit
stammt
der Name Zunzingen. Die Endsilbe "–ingen"
deutet auf eine alemannische Siedlung. Frei übersetzt bedeutet
Zunzingen: Hier
lebt die Sippe des Zuzo.
Erste
urkundliche Erwähnungen
Der genaue Zeitpunkt der ersten
urkundlichen Erwähnung ist umstritten. Mit Sicherheit besteht Zunzingen
als
Gemarkung seit 799. Allerdings gibt es bereits im Zeitraum 779 bis 784
im Codex
Laureshamensis – dem Besitzregister des Klosters Lorsch - mehrfach
dokumentierte Beweise für das Bestehen des Ortes. Unter der
Registernummer 2692
findet sich folgender Eintrag:
Donatio
Rentwici
in Zuzinger marca: Ego in dei nomine Rentwich pro remedio anime mee
dono ad. s.
N. mrem. ... Helmerius ... in pago Brisgowe in Zuzinger marca, et in
Wilare,
quidquid habere uidoer in mansis uineis, et VIII manicipia,
stipulatione
subnixa. Actum monasterio laur., die II kl. Feb., anno XXXII Karoli regis.
Demnach macht ein Edelmann
namens
Rentwich, besorgt um sein ewiges Seelenheil, anno 778 oder 779 dem
Kloster
Lorsch eine umfangreiche Schenkung, die "alles, was wir bisher in
Zunzinger Marca besessen haben, nämlich Hofreiten, Wiesen, Weingärten,
Wälder,
Gewässer und Leibeigene" umfaßt. Helmerich ist der Name des Abtes, der
zu
dieser Zeit dem Kloster vorsteht. Die Abkürzung N. bezieht sich auf den
Heiligen Nazarius, dessen Reliquien in Lorsch aufbewahrt werden.
Rentwich muß ein sehr reicher
Mann
sein, denn er verfügt auch über Besitzungen in Ober- und Niederweiler
(Wilare).
Vielleicht ist der großzügige Stifter sehr fromm, vielleicht bedrücken
ihn auch
frühere Sünden; jedenfalls ist er dermaßen besorgt um sein ewiges
Leben, daß er
das Kloster dreimal beschenkt. Unter den Registernummern 2662 und 2663
des
Lorscher Codex finden sich weitere Schenkungseintragungen, in denen
Weingärten,
Leibeigene etc. erwähnt sind. Das alles geschieht in der Zeit der
Regierung der
Söhne Pippins des Kurzen, Karlmann (768 bis 786) und Karl dem Großen
(786 –
814).
1936 hat Karl Glöckner den
Lorscher
Codex veröffentlicht; im dritten Band, Kopialbuch II. Teil sind die
oben
erwähnten Urkunden nachzulesen. Auch im Wappenbuch des Landkreises
Breisgau-Hochschwarzwald von 1994 werden die drei Schen-kungen erwähnt,
die
zwischen 779 und 799 stattgefunden haben. Das Generallandesarchiv
Karlsruhe hat
im Auftrag der Stadt Müllheim nochmals Nachforschungen angestellt und
diese
Angaben bestätigt.
Das
Mittelalter und die Herrschaft Badenweiler
Die Zeit der
römischen Besatzung
und das frühe
Mittelalter mit der Herrschaft der Merowinger bescheren dem Land am
Oberrhein
eine lange Ära relativen Friedens. Leider ist über das kleine Dorf
Zunzingen
nicht viel in die offiziellen Chroniken eingegangen. So wissen wir
lediglich -
wieder aus einer Schenkungsurkunde – daß im Jahr 1352 dem Kloster St.
Blasien
Besitz in Zunzingen übertragen wird. Verfolgt man die Spur der
Dokumentationen
weiter, so zeigt sich, daß zwischen 1360 und 1370 die amtliche
Schreibweise von
"Zunzcingen" in "Zuntzingen" übergeht. In diesen Jahren
wird erstmals die Zunzinger Kirche urkundlich erwähnt. Die Breisgauer
Archive
sprechen im Jahre 1438 noch von "ze Zuntzingen im dorffe", 1520
findet sich dort aber auch die Bezeichnung "Züntzingen".
Abgesehen
von diesen spärlichen
urkundlichen Erfassungen macht das Dorf in mittelalterlicher Zeit keine
historischen Schlagzeilen. Der Hinweis, daß im Jahre 1385 ein gewisser
Gottfrid
von Zuntzingen Vogt in Buggingen wird, zeigt jedoch, daß in Zunzingen
Leute von
Ansehen leben.
In
der Britzinger Chronik findet
sich
der Hinweis, daß Zunzingen in frühmittelalterlicher Zeit den Herren von
Neuenfels gehört. Weiter heißt es auch, daß in der Zunzinger Kapelle
einige
Neuenfelser begraben liegen. Später verkaufen die Neuenfelser das Dorf
an den
Markgrafen. Solche Transaktionen sind keine Seltenheit, die Dörfer
haben ja
kein Selbstbestimmungsrecht.
Über die
Verwaltungsgepflogenheiten des
römischen Reiches deutscher Nation während des Mittelalters gibt es
keine
restlose Klarheit. Allmählich bilden sich überall feste Territorien,
und eines
davon ist die Herrschaft Badenweiler, die mehrere Vogteien umfaßt und
dem
starken Geschlecht der Zähringer gehört; eine Zähringertochter namens
Clementia
heiratet 1147 den Welfenherzog Heinrich den Löwen und bringt
Badenweiler als
Mitgift in ihre Ehe.
Die Hauptvogtei Badenweiler
umfaßt die
Orte Ober- und Niederweiler, Schweighof, Lipburg-Sehringen und
Zunzingen. Der
Burgvogt amtiert gleichzeitig als Polizeiherr und Steuer-einnehmer; die
Bauern
müssen den Zehnten leisten, die waffen-tauglichen Männer sind zum
Kriegsdienst
verpflichtet. Und natürlich teilen die Dörfer das politische Schicksal
ihrer
Herren, so auch Zunzingen.
Anfang des 13. Jahrhunderts
stirbt die
Hauptlinie der Zähringer aus und Badenweiler fällt an die Grafen von
Freiburg.
Als gegen Ende des 14. Jahrhunderts Graf Egeno von Freiburg durch den
Tod
seines Bruders Heinrich die Burg Badenweiler erhält, muß er seine
Herrschaft an
das Haus Österreich verpfänden, um seine hohen Schulden zu bezahlen. So
kommt
es, daß Katharina von Burgund, die Gemahlin Herzog Leopolds von
Österreich,
1409 auf der Burg Badenweiler herrscht. Da spitzt sich ein
verhängnisvoller Erbstreit
zwischen Österreich und den Basler Eidgenossen dramatisch zu. Mit
tausend Mann
Fußvolk und vierhundert Reitern fallen die Basler in die Markgrafschaft
ein.
Sie richten an der Burg Badenweiler schwere Schäden an und brennen acht
Dörfer
der Umgebung nieder. Zunzingen geht in Flammen auf. Für das Elend der
Bauern
findet sich kein Geschichtsschreiber.
Das
Burgfräulein vom Neuenfels und
der
Zunzinger Wald
1428
ereignet sich ein
lokalhistorisch interessanter
Zwischenfall in Zunzingen. Aus den Vogteien Badenweiler und Müllheim
tritt ein
Gremium angesehener Männer – unter ihnen der Stabhalter Christian
Eberhardt aus
Niederweiler und der Richter Hans Jacob Rieger - in dem kleinen Dorf
zusammen,
um einen schwierigen Rechtsstreit zu klären. Es geht um das sogenannte
"Gemärk", ein gemeinsam genutztes Waldgebiet am West- und Nordhang
des Blauen. Man einigt sich gütlich, und die bis dahin nur mündlich
vereinbarten Nutzungsrechte werden schriftlich festgehalten. Dieser
sogenannte
"Waldbrief" wird 1451 und 1578 in Müllheim bestätigt. Offenbar
besitzen auch die Zunzinger ein Waldstück am Blauen, an dem sie sehr
interessiert sind. Grund dafür ist mit Sicherheit der kostbare
Baumbestand;
doch auch mythologische Argumente könnten eine Rolle spielen. Der
Blauen als Mondberg
der Kelten ist sozusagen für den Volksmund immer noch kultisch-heilige
Stätte,
auch wenn die ursprüngliche Bedeutung zu dieser Zeit schon verloren
gegangen
ist.
Seinen
Waldreichtum verdankt
Zunzingen
auch dem von Legenden umwobenen Burgfräulein vom Neuenfels, Elisabeth
von
Wahrenbach. Um das Jahr 1500 überschreibt das Edelfräulein "einen schönen Eichwald den drei Gemeinden
Britzingen, Dattingen
und Zunzingen". Insgesamt 228 Juchert Wald schenkt das
Fräulein den
drei Dörfern, auf Zunzingen entfallen 57 Juchert. Der Volksmund
erzählt, daß
diese Neuenfelserin im Gewann Wahrenbach zwischen Britzingen und
Zunzingen ein
Schlößchen besaß, das versunken ist. Dazu gehörten ein Garten und ein
kleiner
Weinberg. Eine mündliche Überlieferung berichtet von einem unheimlichen
Vorgang. Nachdem das Schloß in der Erde verschwunden ist, hören die
Leute aus
der Tiefe herauf noch sieben Tage lang einen Hahn krähen.
Markgräflerland
und Bundschuh
In
das 15. Jahrhundert fällt ein
politisches Ereignis,
welches für Zunzingen von höchster Bedeutung ist: 1444 schlägt die
Geburtsstunde des Markgräflerlandes. Als der letzte Graf von Freiburg
den
Markgrafen Hugo und Rudolf von Hachberg die Herrschaft über Badenweiler
überschreibt, werden Rötteln, Hachberg-Sausenburg und Badenweiler mit
einem
Schlag zu einer politischen Einheit. Für die Bauern der Herrschaft
Badenweiler
ist diese politische Kontinuität enorm wichtig, sind sie als Leibeigene
doch
völlig abhängig von ihren jeweiligen Herren.
In
der Britzinger Chronik lesen
wir: "Um 1510 verkaufte das Freiburger
Nonnenkloster Adelhausen an Markgraf Christoph seine, in den Dörfern
der
Herrschaft Badenweiler zu Britzingen, Dattingen, Zunzingen, Ober- und
Niederweiler, Buggingen, Müllheim, Vögisheim, Schliengen, Neuenburg und
Feldberg gehabte Zinse, welche in Geld, Hühner, Kappen, Eier, Wein,
Korn,
Haber, Nüsse etc. bestunden, um 1400 rheinische Gulden".
Zu
Beginn des 16. Jahrhunderts
wird die
Region am Oberrhein von einer sozialen Gärung ergriffen. 1525 bricht
der
Bauernkrieg aus, der "Kampf zwischen Kuhschwanz und Feder". Zwar
werden die Bauern in der Herrschaft Badenweiler nachweislich besser
behandelt
als anderswo, es gibt keine drakonischen Blutgerichte, keine drastische
Ausbeutung. Doch die Leibeigenschaft wird zunehmend als
menschenunwürdig
empfunden. Der Bauern-aufstand erfaßt schließlich auch das
Markgräflerland.
Aber die Bundschuhbewegung, eng verbunden mit dem Namen des
Rebellenführers Jos
Fritz, wird niedergeschlagen, Leibeigen-schaft und Fron dauern fort bis
ins 19.
Jahrhundert.
Es läßt sich nicht nachweisen,
daß die
mißglückte Bauern-bewegung auch in Zunzingen aktive Anhänger hat.
Immerhin
profitiert das Dorf von den wenigen Vorteilen, welche der Aufstand den
Bauern
der Markgrafschaft bringt: Der sogenannte "Kleine Zehnt", der sich
auf die Abgabe bestimmter Naturalien bezogen hat, fällt weg. Auch
dürfen die
Bauern von nun an in beschränktem Umfang auf die Jagd gehen – bis dahin
ein
absolutes Privileg des Adels. Außerdem verzichtet der Markgraf auf eine
Sondersteuer, welche die Bauern besonders erbitterte: Die Abgabe von
Vieh bei
einem Todesfall in der Familie.
Sage
vom Judengalgen
Da
die Menschen völlig von der
Landwirtschaft abhängig sind, gibt es durch Mißernten immer wieder
Hungerjahre.
Manch armer Teufel sieht sein einziges Heil im Stehlen. Wie streng und
leider
manchmal auch willkürlich die Gerichtsbarkeit ist, darüber berichtet
die
düstere Legende vom Judengalgen. Sie ist in der Britzinger Chronik
aufgezeichnet:
"Anno 1576 ist umb
Diebstahls
willen ein Judt zu
Müllheim gehenckt worden, ahn den Ort und Galgen da (schon) zuvor ein
Judt
gehenckt gewesen, (dieser Galgen stund am Kreuzweg gegen Zunzingen).
Haben sich
beide taufen lassen, sonst wehren sie ahn die Füeß gehenckt worden. Der
Letste
ist aber doch nicht bestaendig geblieben".
Die
Volkssage macht für die
Hinrichtung
des zwangsgetauften, aber nicht beständig gebliebenen Juden einen
Willkürakt
des Badenweilerner Oberamtmannes Hans Hartmann von Habsperg
verantwortlich, der
sich bei der Ausübung seines Amtes manche Gewalttat erlaubt haben soll.
Die
Legende berichtet: Eines
Tages
reitet Hans von Habsperg mit einem Diener und einem Hatschier (Büttel)
von
Müllheim nach Sulzburg. Auf der Höhe zwischen Müllheim und Zunzingen
erwischen
sie einen Juden, der bereits wegen mehrerer Diebstähle bestraft und
verwarnt
worden ist. Der Jude macht sich sofort verdächtig, da er beim Nahen der
Obrigkeit eilends die Flucht ergreifen will. Tatsächlich findet man in
seinem
Zwerchsack einige Hühner, und der Mann gesteht, daß er diese in
Zunzingen
gestohlen habe. Habsperg macht kurzen Prozeß und der Unglückliche wird
beim
Kreuzweg auf der Anhöhe an einem Nußbaum aufgehängt. Der Platz heißt
bis heute
"Judengalgen". Es ist dieselbe Stelle, wo im Jahr 1871, nach der
Beendigung des Krieges mit Frankreich, eine noch heute dort stehende
Friedenslinde gepflanzt wird.
Der Amtmann, der seinen
Landesherrn
erst nach der Hinrichtung informiert, erhält nur einen milden Tadel und
den
Hinweis, Todesurteile künftig vor
der
Vollstreckung bestätigen zu lassen. Von der Persönlichkeit des
eigenmächtigen
Hans von Habsperg können wir uns ein gutes Bild machen: Zwei
überlebensgroße,
sehr realistische Steinfiguren, die ihn und seine Gemahlin Glodina
darstellen,
schmücken das Epitaph (Grabmahl) des Ehepaares in der Müllheimer
Martinskirche.
Wie er da steht, in voller Rüstung, mit stolzer Haltung und strengem
Blick, ist
ihm ein rasch gefälltes Urteil über einen armen Dieb wohl zuzutrauen.
Die
Bezeichnung "Judengalgen" ist in einem Gerichtsprotokoll aus dem
Jahre 1653 erstmals nachgewiesen – ein Zeichen dafür, daß an dieser
Stelle noch
mehr als einmal das Blutgericht stattfand.
Die Reformation und der
Dreißigjährige Krieg
Das
bedeutendste Ereignis des 16.
Jahrhunderts ist die
von Luther ins Leben gerufene Reformation. Mit der Einführung der neuen
Kirchenordnung durch Markgraf Karl II, der sich im Jahre 1556 zum
Protestantismus bekehrt, wird Zunzingen evangelisch; denn nach
geltendem Recht
müssen die Untertanen sich zur Konfession ihres Fürsten bekennen.
Während links
des Rheins in Frankreich, wo der Calvinismus sich durchzusetzen
versucht, bald
darauf ein blutiger Religionskrieg nach dem anderen wütet, bleibt es im
Deutschen Reich zunächst relativ friedlich. Doch im Jahre 1618 bricht
unter
Kaiser Ferdinand II. der Dreißigjährige Krieg aus, der unvorstellbares
Leid
über das ganze Land und ganz besonders über die Dörfer bringt, die den
durchziehenden Marodeuren aller Art und Konfession schutzlos
preisgegeben sind.
Zunächst bleibt Zunzingen allerdings vom Krieg verschont, muß lediglich
Abgaben
an den Markgrafen leisten, der Truppen zu Fuß und zu Roß anwirbt.
Hunger, Brandschatzung und Pest
Mitten
in diesem Elend trifft die
Menschen ein neuer
Schock: Der gefürchtete Schwarze Tod, der im 14. Jahrhundert halb
Europa auslöschte,
kommt zurück. Die Pest bricht aus! 1624 versetzt sie dem Land einen
ersten
Schlag, doch 1629 rafft sie noch einmal ganze Dörfer dahin und wütet
auch in
Zunzingen grauenhaft. Die Menschen sterben wie die Fliegen, die
Überlebenden
sind wie gelähmt. Und nun beginnen erst die Schrecken des Krieges.
Im Frühjahr 1633 greifen
kaiserliche
Truppen des Marschalls Hannibal von Schauenburg und des Grafen
Montecuccoli,
die für die katholische Sache kämpfen, die Burg Badenweiler an, müssen
sich
jedoch am 23. April zunächst unverrichteter Dinge zurückziehen. Ihre
Wut über
den Mißerfolg lassen sie an den schutzlosen Dörfern aus; Zunzingen wird
geplündert und niedergebrannt. Im Mai erobern die Kaiserlichen die Burg
Badenweiler und legen auch dort Feuer. Allerdings gelingt es bald
darauf dem
Markgrafen Friedrich V, die Herrschaft mit schwedischer Unterstützung
zurückzuerobern. Doch auch die schwedischen Einheiten, obwohl nicht
feindlich,
gehen brutal mit der Bevölkerung um, und manch armer Bauer muß am
Schwedentrunk
(gewaltsam eingeflößte heiße Jauche) jammervoll krepieren.
1634 wird das Dorf erneut von
den
Kaiserlichen überfallen; sie rauben aus dem Turm der Dorfkirche die
beiden
Glocken. Wer von den Einwohnern dazu in der Lage ist, sucht sein Heil
in der
Flucht; viele fliehen nach Basel. Dort kommen Zunzinger Kinder zur Welt
und
werden auch getauft, wie zum Beispiel die folgende Eintragung in ein
Basler
Kirchenbuch beweist: "1635 bei St.
Elisabeth ihr Kind Maria: Vater Hans Feyer von Zuntzingen und (Mutter)
Anna
Bleüelin". In Basel findet auch Markgraf Friedrich, als er
1638 von
Bernhard von Weimar aus seiner Burg vertrieben wird, ein sicheres Asyl.
Ganz schlimm wird der Winter des
Jahres
1635/36. Zuerst fallen die Kaiserlichen erneut in die Vogtei ein, dann
kommen
die Franzosen, die "Wernerischen
Reuter". Wir lesen in der Britzinger Chronik: "Da
war große Not unter den Leuten wie niemals, es lief alles aus
dem Land hinweg, was entlaufen konnte; sie hausten schrecklich.".
Und
weiter heißt es: "Diese Reiter, wohl
700 an der Zahl, waren über 5 Wochen in der Vogtei und haben dermaßen
gehauset,
daß ein harter Stein sich erbarmen möchte. Sie haben alles verwüstet,
zerschlagen, daß es unglaublich ist, welche Grausamkeit und Muthwillen
sie
verübet. Da war keine Barmherzigkeit gegen Alt und Jung, gegen Mann und
Weib,
mit Hauen, Schlagen, Brennen, Knebeln, Foltern, Wurken und Schänden. Da
war
gegen Weibspersonen kein Erbarmen, daß etliche jämmerlich ersterben
mußten. Es
konnte auch niemand entrinnen oder entlaufen, wegen des schnellen
Einfalls der
grausamen Kälte und tiefen Schnees".
Die
Hungersnot wird so schlimm,
daß die Dorfbewohner sich
von Hunden und Katzen ernähren müssen. Die barbarische, zuchtlose
Soldateska
schändet Frauen und Mädchen, vernichtet den Hausrat, haut fruchtbare
Bäume ab
und verdirbt alles, was ihr in die Hände fällt.
Als der Krieg vorbei ist – 1648
wird
der Westfälische Frieden geschlossen – liegt das ganze Land darnieder,
ausgeblutet und verwüstet, die Felder unbebaut, die Menschen geflohen
oder
umgebracht. In der Herrschaft Badenweiler leben noch 250 von ehemals
1700
Familien. Es ist ein apokalyptischer Totentanz, von dem sich die Region
nur
langsam erholt. Die nach Basel geflohenen Zunzinger kehren zurück. Das
Leben
muß weiter-gehen.
Doch mit dem Krieg sind die
Bedrückungen für die ländliche Bevölkerung noch nicht vorbei; nun
müssen die
Schulden des Landes abgetragen werden, Bürger und Bauern werden zur
Zahlung der
"Friedensgelder" herangezogen; es werden Sondersteuern auf Waren,
Vieh, Holz, Salz erhoben.
Die Brandfackel des Sonnenkönigs
Kurze
dreißig Jahre dauert die
Friedensphase, die den
Bauern kaum gestattet, sich zu erholen. Denn schon lodern die
Brandfackeln
eines neuen Krieges auf. 1676 fallen erstmals die Truppen Ludwigs des
Vierzehnten ein. Von der Feste Breisach aus überfallen sie das
Markgräflerland
und brennen die Dörfer nieder. Zunzingen wird erneut zum Raub der
Flammen. Kurz
danach kommen die Truppen des deutschen Kaisers, die eigentlich der
bedrängten
Bevölkerung helfen sollen und plündern, was die Franzosen übrig
gelassen haben.
Die Bauern sind für die verrohten Soldaten nur eine Beute und für die
großen
Machthaber nicht mehr als Schachfiguren auf einem Brett.
Dreimal
überfällt Ludwig XIV das
Land
am Oberrhein, wobei seine Heerführer die Taktik der verbrannten Erde
verfolgen.
Die Dörfer fallen in Schutt und Asche. Im sogenannten "Holländischen
Krieg" (1672 bis 1679) werden die Burgen Badenweiler,
Hachberg-Sausenburg
und Rötteln zerstört. Der zweite Raubkrieg des Sonnenkönigs (1688 bis
1697),
den er wegen des umstrittenen Erbes seiner Schwägerin Lieselotte von
der Pfalz
vom Zaum bricht, bürdet der oberen Markgrafschaft fast unerträgliche
Kontributionen auf.
Eine
führende Rolle spielt der
besser
als "Türkenlouis" bekannte badische Markgraf Ludwig Wilhelm im
spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714). Er wird zum Oberbefehlshaber
der
deutschen Streitkräfte ernannt und kämpft bei Friedlingen im Käferholz
(1702)
tapfer gegen die Franzosen, bevor er sich in den Schwarzwald
zurückziehen muß.
Das Markgräflerland wird daraufhin von französischer Seite hart
bedrängt, und
die Bauern müssen Futtermittel und Schanzarbeiter für die Anlagen in
Breisach
stellen. Zunzingen ist davon ebenso betroffen wie die Dörfer ringsum.
Schweizer
Familien werden in Zunzingen
heimisch
In späterer Zeit empfinden
selbst viele
Franzosen die unerbittlichen Schläge des Sonnenkönigs gegen die
Markgraf-schaft
als ungerecht. Als Voltaire anläßlich einer Reise an den Oberrhein
kommt, legt
er sich aus Scham ein italienisches Incognito zu. Erst mit dem
Rastatter Friede
(1714) kommt das Land wieder zur Ruhe.
Auch
das Dorf Zunzingen ist hart
betroffen. Wieder fliehen die Einwohner zu ihrem bewährten
Zufluchtsort, der
Stadt Basel. Als sie nach dem Friedensschluß von Nymwegen im Jahre 1679
zurückkehren, kommen mit ihnen einige Schweizer Familien, die sich in
Zunzingen
niederlassen. Zu ihnen gehören die Freys und die Kunys, deren
Nachkommen heute
noch leben.
Die
Einbürgerung erfolgt nach
und nach;
zunächst müssen die eingewanderten Familien sich mit dem Status von
"Hintersassen" zufrieden geben. Das bedeutet, daß sie kein Eigentum
erwerben können und ein "Schutzgeld" bezahlen müssen. Doch ihr
Handwerk dürfen sie ausüben. Nach einer Zeit der Bewährung erlaubt man
ihnen,
ordentliche Bürger zu werden; dafür müssen sie eine "Taxe" bezahlen
und jede Familie muß zudem einen Feuereimer stellen. Letzteres zeigt,
wie groß
die Angst der Dorfbevölkerung vor der Brandgefahr ist, die auch in
kriegsfreier
Zeit oftmals droht.
Bescheidener
Wohlstand
Ab
etwa 1700 existieren für
Zunzingen
zunächst spärliche Gemeindearchivalien, von denen die frühesten im
General-landesarchiv Karlsruhe aufbewahrt sind. Sie stehen alle im
Zusammenhang
mit Besitzerwerb. Da heißt es, daß am 20. Oktober 1700 zwischen den
Gemeinden
Dattingen und Zunzingen ein Vergleich über die Matten und den Weidgang
gemacht
wird.
Schon
ab dem Jahr 1723 wird der
liegenschaftliche Besitz von Zunzingen erfaßt. Darin sind aufgeführt:
Gebäude,
Äcker, Wiesen, Reben, Sand, Lehmgruben und Steinbrüche. Der Waldbestand
ist
darin nicht aufgeführt, da er gesondert erfaßt wird.
Am
17. Dezember 1735 kauft die
Gemeinde
Zunzingen von den Kindern des verstorbenen Michael Tanz eine Behausung.
Am 16.
August 1759 schließen Zunzingen, Britzingen und Dattingen einen
"Waldvergleichsbrief" miteinander ab. Am 22. Dezember 1772 kauft die
Gemeinde Zunzingen von den Erben eines gewissen Joseph Zott einen Wald.
Das
sind natürlich nur "Splitter" aus dem Gesamtzusammenhang, aber sie
zeigen doch eine Tendenz: Das Dorf will seinen Besitz sichern und wenn
möglich
vergrößern.
Auch
die kulturellen und
religiösen
Werte werden in Zunzingen nicht vernachlässigt. 1756 ertrotzt das Dorf
gegen
den Willen der Kirchenbehörde in Karlsruhe den Ausbau der kleinen
Kapelle zu
einer Kirche. Seit 1766 ist das Bestehen einer Volksschule in Zunzingen
nachgewiesen.
So
unzusammenhängend sie sind –
alle
diese Dokumentationen deuten auf einen bescheidenen aber stetigen
Wohlstand,
bei dem der Wald und die Reben eine große Rolle spielen. So kann im
Jahr 1754
der Müllheimer Amtmann Salzer über Zunzingen sagen: "Allda
wächst Frucht (Getreide), Obst und ein guter Wein, aber
saures Gras. Es sind allda einige Vermögliche, meist (aber) arme Leute,
welche
mit Steinbrechen, Taglöhnen und ihrer Hände Arbeit sich sauer ernähren".
Interessant ist eine urkundliche
Erwähnung aus dem Jahr 1765. Danach muß ein Zunzinger Bürger in diesem
Jahr
Zinsen an das Großpriorat Heitersheim bezahlen. Also hatte der
Johanniter- und
Malteserorden zu dieser Zeit noch Grundbesitz in Zunzingen.
Politische
Liberalisierung –
Zunzingen wird selbständig
Gegen Ende des 18. und zu Beginn
des
19. Jahrhunderts erfolgt in Europa, hervorgerufen durch die
französische
Revolution und die napoleonischen Kriege, eine tiefgreifende politische
Umstrukturierung. Zu ihren Auswirkungen gehören die Säkularisierung und
in
Deutschland vor allem die nationalistische Bewegung. 1767 verbietet der
liberale Markgraf Karl Friedrich die Folter. Am 23. Juli 1783 hebt er
in allen
seinen Landen die Leibeigenschaft auf. Er will nur noch über freie
Menschen
regieren. Man kann sich leicht vorstellen, daß beim Bekannt-werden
solch
sensationeller Neuigkeiten auch die Bauern in Zunzingen Freudenfeste
feiern.
Die im Gemeindearchiv aufbewahrte Herrenfrohndablösungsurkunde ist ein
wichtiges Dokument aus dieser Zeit.
Doch
es gibt noch weitere
politische
Umwälzungen. Die Markgrafschaft erweitert sich zunächst zum
Kurfürstentum und
bald darauf zum Großherzogtum Baden. Der enorme Gebiets-zuwachs macht
eine
Verwaltungsreform notwendig; diese löst im Jahre 1809 das Dorf
Zunzingen aus
dem Vogteiverband von Badenweiler und erhebt es zur selbständigen
Gemeinde.
Zunzingen wird "unabhängig". Fortan leiten tüchtige Vögte und
Bürgermeister das Geschick des Dorfes. Der erste Bürgermeister, ein
Mann namens
Kuny, wird gewählt.
Natürlich
bleibt die kleine
Gemeinde
von den Ereignissen der Weltgeschichte nicht verschont. Doch innerhalb
der
Kompe-tenzen ihrer Selbstverwaltung gibt es eine kontinuierliche
Entwicklung,
die den bescheidenen Wohlstand und die dörfliche Infrastruktur fördert.
Dem
Dorf steht der Bürgermeister vor; weitere Amtspersonen sind der
Ratschreiber,
der Polizeidiener und der Gemeinderechner. Außerdem gibt es einen
ständigen
Feldhüter, einen Rebhüter (Bammert), einen Wegwartedienst und einen
Waldhüter.
Auch die Bürokratie hält ihren
Einzug.
An Vorschriften mangelt es nicht. Jeder Hausbau, jeder Schuppen und
Trottschopfanbau muß von der Behörde genehmigt werden. Beschwerden von
Bürgern
– zum Beispiel wegen der Beschädigung eines Hauses - werden
aktenkundig.
Die "Feuerpolizei" ist straff
organisiert, ihre Gerätschaften werden regelmäßig kontrolliert und
aufgeschrieben. Auch das Jagdwesen und die Forstwirtschaft sind
geregelt bis
hin zu genauen Anweisungen für die Dienstkleidung des Waldhüters. Über
den
Gemeindewald, der für das Dorf einen kostbaren Besitz darstellt und
Quelle
vieler Einnahmen ist, wird genauestens Buch geführt: Wald- und
Schleifwege,
Holzhieb und Wiederaufforstung, Holzverkauf – jede Aktion findet ihren
Niederschlag
im Gemeindearchiv.
Als 1849 die Badische Revolution
das
Markgräflerland erschüttert und auch im benachbarten Müllheim einige
Scharmützel für große Aufregung sorgen, halten die Zunzinger sich
heraus.
Sympathie für die Ziele der Revolution haben sie aber doch. Es ist
ziemlich
sicher, daß in dieser Zeit erstmals ein Gesangverein im Ort gegründet
wird. Die
Gesangvereine aber sind bekanntlich aus der vaterländischen Bewegung
der
Revolution heraus entstanden.
Über den Krieg 1870/71 mit
Frankreich gibt
uns die Müllheimer Chronik einen recht pathetisch-vaterländischen
Bericht. Ob
auch Zunzinger Männer am Feldzug teilnahmen, ist unklar. Als dieser
Krieg am
10. Mai 1871 mit dem offiziellen Friedensabschluß in Frankfurt beendet
ist,
werden jedoch drei Friedenslinden gepflanzt. Zwei davon stehen heute
noch, eine
bei der Gärtnerei Berthel gegenüber der Kirche, eine auf dem
Judengalgen. Die
prächtige Linde, die am unteren Dorfbrunnen stand, muß in den
60er-Jahren
unseres Jahrhunderts dem Straßenbau geopfert werden.
Nach dem 70er-Krieg lassen sich
Markgräfler Bürger im damals deutschen Elsaß nieder. Zu ihnen gehört
ein
Zunzinger namens J. Bolanz, der mit seinem Kompagnon Bauer in Straßburg
ein
eigenes Steinmetzgeschäft mit Steinbrüchen gründet und betreibt. Nach
dem
Ersten Weltkrieg werden die Nachkommen dieses Zunzingers wieder aus dem
Elsaß
vertrieben und kehren nach Zunzingen zurück.
Ab 1889 ermöglicht die
großzügige
Stiftung eines begüterten Müllheimer Bürgers namens Christian Klor eine
grundlegende Renovierung der Zunzinger Kirche, über deren Geschichte
noch zu
berichten sein wird.
Die
Amerika-Auswanderer
Trotz seines bescheidenen
Wohlstandes
muß das Dorf, das völlig von der Landwirtschaft abhängig ist, immer
wieder
Notzeiten erleben. Strenge Winter, schwere Hagelwetter und Gewitter,
Trockenheit und Futternot wie im Jahre 1894 erschweren das Leben der
Familien.
Der Kinderreichtum ist nicht immer nur ein Segen. Wo zu viele hungrige
Mäuler
zu stopfen sind, herrscht die Armut. So muß die Gemeinde auch ein
Armenhaus
einrichten und regelmäßig bedürftige Personen unterstützen. Mit einem
sozialen
Netz, wie es in heutiger Zeit existiert, ist diese Armenhilfe aber
nicht im
mindesten vergleichbar.
Um
dem Schicksal der Armut zu
entfliehen, ergreifen einige Zunzinger Bürger die Flucht nach vorne und
fahren
über den großen Teich. Ihr Leitspruch heißt: "Amerika, du hast es
besser".
Durch
Notzeiten bedingt wandern
schon
vor 1900 junge Leute aus Zunzingen nach Amerika aus. Alle erhoffen sich
dort
eine bessere Zukunft. Von der Familie Bolanz wandern nachweislich
zwischen 1871
und 1875 drei Geschwister aus und werden im Staat Ohio heimisch. Einer
von
ihnen ist Heinrich Otto Bolanz (geboren 1861, gestorben 1904). Sie
genießen
beträchtliches Ansehen, denn die Stadt Akron nennt eine ihrer Straße
ihnen zu
Ehren "Bolanz-Road". Zwischen 1904 und 1918 sterben diese Pioniere
dann in Ohio. Doch ihre Nachkommen leben bis heute, allerdings
verstreut über
die ganzen USA.
Zu den Amerika-Auswanderern
gehört auch
Maria Veigel, eine geborene Lehmann aus Zunzingen. Gemeinsam mit ihrem
Mann
macht sie über dem Großen Teich zunächst ihr Glück, doch dann stirbt
der
Ehemann bei einer Grippeepedemie. 1922 kehrt Maria Veigel ins
Markgräflerland
zurück. Sie erreicht das gesegnete Alter von 106 Jahren und ist auf dem
Zunzinger Friedhof gegraben. Angehörige der Familie Hauser-Lehmann, die
ebenfalls vor der Jahrhundertwende auswandern, sind wahrscheinlich noch
auf der
Überfahrt verstorben, denn man hat nie wieder etwas von ihnen gehört.
Fünf Geschwister der Familie
Lehmann-Körkel emigrieren nach Amerika. Es sind Margret Lehmann, Karl
Lehmann,
Olga Lehmann, Johanna Lehmann und zuletzt im Jahr 1951 Willi Lehmann
mit seiner
Ehefrau Hilde geborene Lindemann. Auch in der zweiten Hälfte unseres
Jahrhunderts
behalten die USA für die Zunzinger ihren Reiz als Auswanderungsland. In
den
1960er-Jahren wandern Helga Erhardt und Erika Bolanz aus.
Auch Südamerika wird Ziel der
Zunzinger
"Auswanderungswelle". Alte Briefe dokumentieren, daß vor der
Jahrhundertwende Angehörige der Familie Eichin nach Chile auswandern.
Wir
werden an späterer Stelle noch von den Auswanderern hören.
Das
20. Jahrhundert beginnt
Die Technik hält ihren Einzug ins Dorf
Der
von der wilhelminischen Ära
geprägte Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bringt auch für Zunzingen
eine
Zeit gemächlichen Aufschwungs. Man lebt nicht schlecht von der
Landwirtschaft,
vor allem vom Weinbau und vom Wald, aber auch von Steinbrüchen und
Sandgruben.
Ab und zu muß der Dorfpolizist, der mit dem Säbel seine Patrouillen
macht,
einen Betrunkenen im Dorfarrest einsperren. Einige allzu wackere Zecher
erhalten sogar zeitweilig Wirtshausverbot. Gerne spielt man dafür dem
Gendarmen
manch derben Streich. So wird die Säbelscheide eines Tages mit einer
Flüssigkeit verunreinigt, die normalerweise in den "Pot de chambre",
alemannisch "Bottschamber" gehört. Nachrichten werden
"ausgeschellt"; der Gemeindediener geht mit seiner Schelle durch das
Dorf und ruft seine "Bekanntmachung" aus.
Bereits
im Jahr 1909 hat Zunzingen
eine Wasserleitung,
ein Komfort, von dem vor allem die Frauen bei der Küchen- und
Wascharbeit
profitieren. Am Anfang klappt es mit dem Druck nicht immer so recht.
Von einer
Bäuerin wird berichtet, daß sie vergißt, den Hahn zuzudrehen, als
einmal kein
Wasser kommt. Nach ein paar Stunden, als sie von der Arbeit in den
Reben
zurückkehrt, steht die Küche unter Wasser. Ihr Kommentar dazu: "So
sottsch
emol nit wüetig werde!".
Im gleichen Jahr werden die
ersten
Kabelleitungen für "das Elektrische" verlegt, wie im Gemeindearchiv
nachzulesen ist. 1910 baut die Familie Kuni auf ihrem Anwesen einen
Dreschschopf und erwirbt eine Dreschmaschine und eine elektrische
Kreissäge;
diese Anschaffungen werden von den Zunzingern und sogar von Leuten aus
dem
benachbarten Dattingen mitbenutzt.
Der Erste Weltkrieg
Das
idyllische Bild zerbricht
jäh. 1914
bricht der erste Weltkrieg aus – Zunzingen muß erneut großes Leid
erleben; denn
die Schüsse von Sarajevo haben auch im Markgräflerland ein düsteres
Echo.
Erfüllt vom schlichten Stolz des jungen deutschen Nationalgefühles
können die
Menschen nicht ahnen, was für Schrecknisse ihnen und ganz Europa
bevorstehen.
Die Männer, die in den Krieg ziehen, glauben fest an die gute Sache des
Vaterlandes.
Der
Krieg ist nicht rasch zu
Ende, wie
man gehofft hatte. Bald lähmt er das gesamte öffentliche Leben, auch
die
Aktivitäten des Gesangvereins kommen zum Erliegen. Die Zunzinger Schule
wird
geschlossen, die Kinder müssen in Britzingen den Unterricht besuchen.
Als 1918
die Welt wieder zur Vernunft kommt und Friede geschlossen wird, muß
Zunzingen
eine traurige Bilanz ziehen: Sechs Männer sind gefallen. Das Leid der
Witwen
und Waisen ist nicht in Worte zu fassen.
Und doch geht das Leben weiter.
Auch
der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. 1920 wird bei der Linde eine
Fuhrwerks-brückenwaage installiert, auf der bis in die 70er-Jahre die
Herbstfuhrwerke mit den Traubenbottichen gewogen werden. In den
Zwanzigerjahren
fährt die erste Buslinie von Müllheim nach Sulzburg. Der Bürgermeister,
der
Ratschreiber und der Gemeinderechner sind Ehrengäste bei der
Jungfernfahrt.
Jetzt verlassen wieder einige
Zunzinger
ihr Heimatdorf, um in der Neuen Welt ihr Glück zu versuchen. Es sind
die Folgen
der Inflation und die bittere Armut, welche die Leute dazu treiben, im
fernen
Amerika eine neue Existenz zu gründen. 1923 wandert Otto Bolanz nach
Amerika
aus und läßt sich im Staat New York nieder. Bis zum Jahr 1927 folgen
ihm drei
seiner Geschwister. 1937 gibt es eine große Wiedersehensfreude. In
diesem Jahr
kann das "Bolanz-Muetterli" seine ausgewanderten Kinder und
Verwandten in den Staaten besuchen. Zeitungsberichte und Briefe
dokumentieren
diese Reise.
Der
Zweite Weltkrieg
Das
Dorf hat sich noch nicht
richtig
vom Ersten Weltkrieg erholt, da bricht mit dem Jahr 1933 und dem
Hitlerregime
ein neues Verhängnis herein. Zu dieser Zeit ahnen noch nicht viele, was
Hitler
und seine Gesinnungsgenossen unter der "Erneuerung des Bauernstandes"
verstehen. Doch die Blut- und Bodenphilosophie, mit der man vor allem
die
Bauern auf den Leim locken will, verblendet bereits viele Geister.
Es kommt noch andere Unbill
dazu. In
einem Jahr hängen so wenige Trauben in den Reben, daß die Leute mit
Kirschkratten zur Weinlese gehen. Es heißt: "D' Würm hän der Herbscht
g'fresse!". Für die Bauern bedeutet das einen herben Verdienstausfall.
Als 1939 der Zweite Weltkrieg
ausbricht, werden die wehrtüchtigen Männer eingezogen. Noch im gleichen
Jahr
wird in Zunzingen eine Artillerie-Abteilung stationiert, später sind
auch
andere Truppenteile einquartiert.
Der Winter kommt in diesem Jahr
früh
und wird hart. Die bereits einberufenen Männer aus dem Dorf erhalten
deshalb
Sonderurlaub, um in der Landwirtschaft zu helfen. Der Herbst ist noch
draußen,
man muß den Schnee von den Trauben schütteln. Bald werden auch die
Waren
rationiert und man kann bestimmte Güter nur noch mit Bezugsscheinen
einkaufen.
Die Bauern müssen große Teile ihrer Erzeugnisse abliefern.
Im ganzen Reich breitet sich das
Krebsgeschwür der totalitären Unterdrückung aus. Auch Zunzingen bleibt
davon
nicht verschont, es gibt einige überzeugte Nationalsozialisten und eine
Reihe
von Mitläufern. Für viele andere eine beklemmende und bedrohliche
Situation.
Bürger und Amtspersonen, die mit dem national-sozialistischen System
nicht
einverstanden sind, haben besonders zu leiden. Männer, die nicht
Mitglieder in
der NSDAP werden wollen, werden aus öffentlichen Ämtern entfernt. Recht
und
Gesetz folgen den willkürlichen Regeln der Diktatur. Eine Frau steht im
Verdacht, den verbotenen Bibelforschern anzugehören und wird –
gottseidank nur
zeitweilig - eingesperrt.
Doch das Dorf bewahrt trotz
aller
nationalsozialistischen Propaganda und Unterdrückung sein menschliches
Gesicht,
der von oben diktierte Rassismus ist nicht bis in die Herzen aller
Menschen vorgedrungen.
Die Bestimmung, daß die osteuro-päischen Zwangsarbeiter nicht mit den
deutschen
Familie am Tisch sitzen dürfen, wird von den meisten Bauern nicht
eingehalten.
Ein polnischer Kriegsgefangener oder Zwangs-arbeiter soll eines Tages
von einem
Nazischlägertrupp mit einer Hundepeitsche verprügelt werden. Der Bauer,
ein im
Geiste liberaler Mann aus einer alten Zunzinger Familie, stellt sich
dem
Schlägerkommando mutig entgegen: "Das dulde ich nicht auf meinem
Hof!". Seines persönlichen Risikos ist er sich wohl bewußt.
Unverrichteter
Dinge ziehen die Schlägertypen wieder ab. Dem jungen Polen rät der
Bauer:
"Wenn die wiederkommen, dann versteckst Du Dich sofort auf dem obersten
Heuboden, da kommen sie nicht hin". Es gibt noch weitere solcher
Geschichten.
Der Zweite Weltkrieg hat für das
Dorf
noch verheerendere Folgen als die Kriegsjahre 1914/18. Todes- und
Vermißtenmeldungen gehen regelmäßig durch den Ort, rufen Trauer und
Verzweiflung hervor. 1944 kommt die Angst vor Bombardierungen hinzu. Am
Pfarracker und im Wurzengraben sind Bunker angelegt, im Bühlrain sogar
ein
Luftschutzbunker, der hervorragend ausgebaut ist. Bei dem hochgelegenen
Pfarracker müssen zwei Schulbuben Wache halten und im Dorf sofort
melden, wenn
sie eine feindliche Bewegung bemerken. Wieder muß die Schule
geschlossen
werden, die Kinder gehen jetzt nach Dattingen zum Unterricht.
Als am 27. November 1944
Freiburg
bombardiert wird, wackeln in den Stuben in Zunzingen die Lampen. Vom
Pfarracker
aus kann man deutlich die "Weihnachtsbäume" erkennen. Zu dieser Zeit
befinden sich von der männlichen Bevölkerung nur noch die ganz Alten
und die
ganz Jungen im Dorf.
Wenn jemand beerdigt wird, darf
keine
Glocke geläutet werden; die große Glocke muß schon 1942 in Badenweiler
abgeliefert werden und wird eingeschmolzen. Nachts wird alles
abgedunkelt,
selbst der kleinste Lichtschein wird erstickt.
Viele Zunzinger Familien haben
Verwandte im nahe bei der Grenze gelegenen Zienken. Als die Stadt
Neuenburg
1944 durch den Artilleriebeschuß schwer beschädigt wird, muß Zienken
evakuiert
werden. Viele Zienkener suchen Schutz und Unterkunft in Zunzingen, wo
sie von
ihren Verwandten mitsamt ihrem Vieh aufgenommen werden. Es wird eng in
Haus und
Hof.
Doch nicht nur Flüchtlinge muß
das Dorf
aufnehmen; es gibt noch andere Einquartierungen. Soldaten, russische
Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Rußland, Polen und der
Tschecho-slowakei
müssen untergebracht werden. Auch für Rösser und Maschinen wird Platz
benötigt.
Da der Wohnraum nicht ausreicht, schlafen die Leute auch auf den
Heuböden.
Am 24. April 1945 besetzen
französische
Truppen das Dorf. Im Mai ist der Kriegsspuk zu Ende. Zunzingen hat
wiederum
einen hohen Blutzoll bezahlt: Zwölf Männer sind auf den Schlachtfeldern
geblieben, ein Vermißter kommt nie wieder nach Hause. Andere sehen erst
nach
jahrelanger Kriegsgefangen-schaft die Heimat wieder.
Auch das Kapitel der
Entnazifizierung
gehört in diesen Zusammenhang. Hierzu gibt das Verzeichnis der
Badischen
Gemeindearchive "Zunzingen" verschiedene Aktenhinweise, ohne Details
zu nennen. Es geht jedoch daraus hervor, daß das Vermögen ehemaliger
NSDAP-Mitglieder teilweise eingezogen wird und sie selbst zu
Arbeitseinsätzen
herangezogen werden. Die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere werden in einem
gesonder-ten Verzeichnis erfaßt.
Doch die Dorfbevölkerung
bedrängen
andere Probleme. Diebesbanden ziehen umher und rauben Vieh- und
Hühnerställe
aus. Erst als ein paar Zunzinger Männer einen der Diebe erwischen und
verprügeln, sind die Ställe wieder sicher. Es ist ein Überlebenskampf.
Die
Menschen wissen nicht, was die Zukunft ihnen bringen wird.
Mit der Besatzung durch die
Franzosen
beginnen aber auch die ersten Gesten aktiver Versöhnung. Aufkeimende
Bande von
Freundschaft zwischen Besatzern und Besatzten gedeihen in dem vom Krieg
jetzt
aufatmenden Dorf. Einige der französischen Offiziere schließen
dauerhafte
Freundschaften mit ihren Gastgeberfamilien. Die Dorfbevölkerung macht
Bekanntschaft mit französischen Sitten. Eine Art "Place de la
Republique" wird im Dorf angelegt, mit Blumen und Fahnen. Jeden Abend
versammeln sich dort die französischen Offiziere und die Soldaten,
welche meist
marrokanischer Herkunft sind. Auch der weibliche Anhang fehlt nicht;
bis zum
heutigen Tag hat sich für einen bestimmten Platz, wo diese Damen
untergebracht
werden, die Bezeichnung "Harem" erhalten.
Zwangswirtschaft
und hoffnungsvoller Neubegin
Auch nach Kriegsende können die
Bauern
über ihre Produkte nicht frei verfügen. Es herrscht weiter
Zwangswirtschaft,
und jede Woche muß eine bestimmte Menge an Waren und Gütern abgeliefert
werden.
Man versucht sich zu arrangieren, so gut es eben geht. Was nicht
offiziell
erlaubt ist, wird schwarz gemacht. Die Fantasie ist grenzenlos, und Not
macht
erfinderisch. Aus dieser Zeit sind so viele Anekdoten überliefert, daß
man ein
ganzes Buch damit füllen könnte. Eine der hübschesten ist die von den
Zwillingskälbchen:
Da hat ein Zunzinger Bauer ein
Kalb im
Stall, das er nach den bestehenden Vorschriften abliefern muß. Zu
gleicher Zeit
hat bei einem Verwandten im benachbarten Dattingen ebenfalls eine Kuh
gekalbt
und ist mit Zwillingskälbchen niedergekommen. Man überlegt. Die
Behörden wissen
nicht, daß der Dattinger Bauer mehr als ein Kälbchen hat. Heimlich in
der Nacht
werden die Zwillinge nach Zunzingen gebracht, dort ist die
Abgabestelle. Als
die Stunde kommt, geben die beiden Bauern je ein Zwillingskälbchen ab.
Während
die Tiere verladen werden, meint ein anderer Zunzinger, der
nachdenklich das
Schauspiel betrachtet aber nicht in den Trick eingeweiht ist: "Also, me
chönnt fast meine, des seie Zwilling!" Das größere Kalb, das derweil im
Stall in Zunzingen versteckt ist, wird heimlich geschlachtet und
genußvoll
verspeist. Nicht immer gelingt es freilich, den Behörden ein
Schnippchen zu
schlagen.
Aber es geht aufwärts. 1946 hat
das
Dorf wieder einen Gemeinderat; Adolf Schumacher wird zum Bürgermeister
gewählt.
Am 23. Oktober 1947 darf mit Genehmigung der französischen
Besatzungsmacht der
Gesangverein wieder gegründet werden. Der feierliche Akt findet im
Rathaus in Gegenwart
zweier französischer Offiziere statt, die auch bei diesem Anlaß ihre
großen
Pistolen tragen.
Die Rückschläge bleiben nicht
aus.
1946/47 gibt es keinen Herbstertrag, weil Schädlinge die Reben befallen
haben.
Unter der Leitung von Bürgermeister Schumacher werden daraufhin die
Zunzinger
Männer beim Finanzamt Müllheim vorstellig und protestieren gegen die
hohe
Vermögenssteuer.
Der Sommer 1947 ist so trocken,
daß es
kein Heu gibt. Einige Bauern fahren mit einem Gespann "auf den Wald",
um Heu zu kaufen, sie erhalten dafür die Genehmigung der französischen
Kommandatur. Die Heimfahrt ist ein Ereignis, das mit ausgiebigem Zechen
gefeiert wird. Das Wäldergras ist aber so hart und "glasig", so daß
man es kaum verfuttern kann.
Um Holz zum Heizen und Kochen zu
haben,
arbeiten die Bauern oft tagelang im Wald. Damit keine Zeit verloren
geht,
bringen ihnen die Frauen und Kinder das Essen.
1948 kommt die Währungsreform.
Wer sich
ein neues Radio kaufen möchte, muß 545 Mark auf den Ladentisch
blättern! Da muß
man schon gutes Herbstgeld verdient haben. Als das Fußball-Länderspiel
Deutschland gegen die Schweiz aus dem Stuttgarter Neckarstadion
übertragen
wird, lauscht man gemeinsam vor den wenigen Radios im Dorf.
Aus Amerika kommt im gleichen
Jahr ein
Zeichen der Hoffnung. Als guter Onkel schickt der ausgewanderter Otto
Bolanz
den Zunzinger Kindern Schuhwerk, für jedes Schulkind ein Paar Schuhe.
Dies wird
sogar in den Markgräfler Nachrichten erwähnt. Die Freude ist riesig!
Traktoren, Autos und Motorräder
gibt es
in Zunzingen schon vor dem Krieg. Den ersten neuen Traktor nach der
Währungsreform schafft Bertold Lindemann an, stolzt rattert der neue
Deutz
durch das Dorf.
Das Leben organisiert sich neu.
Die
Bäuerinnen schieben wieder ihre Marktwagen zu den Wochenmärkten nach
Badenweiler und Müllheim; wenn die Marktwagen besonders schwer beladen
sind,
müssen die Kinder mithelfen beim Schieben und Ziehen. Einmal ist die
Ernte so
reich, daß ein ganzer Wagen voll Gemüse mit einem Gespann von einem
Ochsen und
einem Pferd nach Badenweiler geschafft werden muß. Auch die Hamsterer
sind
unterwegs, und manche von ihnen sind so ausgehungert, daß sie rohe
Kartoffeln
verschlingen.
Aufbau
moderner Infrastruktur
Der Wiederaufbau beginnt. Nun
wird der
Weinbau, der dem Dorf schon immer Wohlstand brachte, zur
Haupteinnahmequelle.
Man stellt um auf die widerstandsfähige Pfropfrebe, nachdem in den
Jahren 1945
bis 1947 die gefährliche Reblaus große Teile der Weinernte vernichtet
hat.
Zwischen
1950 und 1961
realisiert man
eine umfassende Flurbereinigung. Historisches Kuriosum: Jetzt müssen
die Bauern
erneut "Frondienst" leisten, doch sie tun es freiwillig und auch zu
ihrem eigenen Nutzen. Viele Kleinparzellen werden zusammengelegt und
vor allem
wird das Wegenetz verbessert. Auch dem Obstbau wenden die Bauern sich
verstärkt
zu. Viehwirtschaft und Ackerbau gehen dagegen im Laufe der Jahre
deutlich
zurück. Viele Bauern hängen die Landwirtschaft an den Nagel oder
betreiben sie
fortan nur noch als "Hobby- und Feierabendbauern". Sie suchen ihren
Broterwerb in Müllheim, Badenweiler und an anderen Orten, wo der
Tourismus
mächtig aufblüht und eine gesunde Industrie und Dienstleistungsbranche
sich
nach und nach ansiedelt.
Im Jahr 1955 läßt die Gemeinde
ein
Mehrzweckhaus mit Schlauchturm für die Feuerwehr erbauen. Hier wird ein
Jahr
später auch die Milchabgabestelle neu eingerichtet, die früher im
Erdgeschoß
des Schulhauses untergebracht war. Zu dieser Zeit haben noch viele
Bauern Vieh
im Stall. 1956 entsteht ein Dreschschopf außerhalb des Ortes und eine
neue
Dreschmaschine wird angeschafft. Diese ist heute längst durch die
Mähdrescher
ersetzt. Doch in der Zeit vor 1955 steht noch die alte Dreschmaschine
auf dem
Hof der Familie Kuni, und das ganze Dorf läßt dort sein Korn dreschen.
1962/63 wird ein neues Schulhaus
gebaut, mitfinanziert durch Holzschläge im Eichwald. Bürgermeister
Adolf
Schumacher, über dessen sprichwörtliche Sparsamkeit einige hübsche
Anekdoten
kursieren, ist kein Mann, der Schulden liebt. Der Zunzinger
Waldreichtum
ermöglicht es aber auch, die Kriegsschulden, die auf die Gemeinde
entfallen,
mit dem Erlös aus 300 Ster Holz zu begleichen. Die Nebenstraßen des
Dorfes
werden asphaltiert und die Dorfbeleuchtung wird erneuert.
Die
Gemeindereform
Im
Jahr 1972, im Zuge der großen
Gemeindereform,
gibt Zunzingen seine Selbständigkeit auf und vollzieht die
Eingemeindung in die
Stadt Müllheim. Dieser Entscheidung geht eine Bürgerversammlung im
Schulhaus
mit hitzigen Diskussionen voraus. Auch Müllheims frisch gekürter
Bürgermeister
Hanspeter Sänger ist anwesend und wirbt für einen Zusammenschluß mit
der Stadt.
Es geht hoch her. Nicht wenige Einwohner sprechen sich zunächst für
eine
gemeinsame Verwaltungseinheit mit dem Nachbardorf Britzingen aus;
schließlich
ist die Mehrheit der Zunzinger Weinbauern der Winzergenossenschaft
Britzingen
angeschlossen. Doch schließlich folgen die meisten Bürger den
vernünftigen
Argumenten von Hanspeter Sänger und dem Rat des weitsichtigen
Altbürgermeisters
Adolf Schumacher, der an alle appelliert: "Für uns kommt nur Müllheim
in
Frage". Bei der Abstimmung spricht sich eine klare Mehrheit für
Müllheim-Zunzingen aus.
Nach 163 Jahren Selbständigkeit
schließt Zunzingen sich wieder einer größeren kommunalpolitischen
Einheit an.
Bürgermeister Sänger bestätigt die Bürger in ihrem Entschluß mit den
Worten:
"Das Dorf geht nicht unter!" Und der aus dem Amt scheidende Adolf
Schumacher stellt fest: "Das ist eine historische Stunde". Die
Badische Zeitung macht aus diesen bedeutungsvollen Sätzen in ihrer
Ausgabe vom
15./16. Februar 1972 eine fette Schlagzeile.
Gelungene Dorfsanierung
Zunzingen muß seinen Entschluß
nicht
bereuen. Der Ausbau der Kanalisation beginnt noch im gleichen Jahr. Die
Sicherung der Trinkwasserversorgung und die Erschließung des
Neubau-gebietes
"Hohlenmatten" (Beginn 1974) sind seither zum Wohl des Dorfes
durchgeführt worden. In den 80er-Jahren wird die Kirche aufwendig
restauriert,
das Schäfergässle, der traditionelle Kirchweg der Leute aus dem
mittleren und
Oberdorf, wird mit praktischen, sauberen Steinplatten ausgebaut – das
"Pfützenspringen" hat damit ein Ende. Mitte der 90er-Jahre wird das
Dorfbild außerdem durch stimmungsvolle historische Straßenlaternen
verschönert.
Die historischen Dorfbrunnen werden restauriert, die Brunnenplätze mit
Kopfsteinpflaster
verschönert. Die Friedhofsmauer wird zu einem großen Teil mit
Natursteinen
erneuert und ausgebessert.
Der von langer Hand geplante
Radweg
zwischen Müllheim und Zunzingen wird im Jahr 1999 endlich Realität.
Das schöne Dorfbild, ein
Ergebnis
privater und öffentlicher Initiative, ist nicht nur für die
Dorfbewohner selbst
angenehm. Es animiert auch viele Feriengäste und Touristen zum
Verweilen.
Vögte
und Bürgermeister
Kuny (1815 bis 1832), Kuni (1832
–
1838), Datter (1838 – 1841), Friedrich Kuni (1841- 1846), Johann Georg
Dattler
(1846 – 1855), Jakob Friedrich Kuny (1855 – 1869), Gustav Dattler (1869
–
1876), Jakob Erhardt (1876 – 1878), Datter (1878 – 1887), Friedrich
Schumacher
(1887 – 1888), Georg Dattler (1888 – 1890), Georg Albert Bolanz (1890 –
1905),
Friedrich Hämmerlin (1905 – 1919), Alfred Bolanz (1919 – 1924), Rober
Bolanz
(1924 – 1933), Max Bolanz (1933 – 1945), Adolf Schumacher (1945 bis
1972).